Sofia Koblasa on Wed, 21 Apr 1999 12:34:34 +0100


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Syndicate: ...immortal is an ample word...(ED)


Ist die Kunst unsterblich?
							- frag sie nicht!
											(D.Mahlow)



Der britisch- indische Schriftsteller Salman Rushdie äußert sich über
sein Schicksal,
den Krieg auf dem Balkan und Liebe, Tod und Kunst.             


(Ein Hamburger-Abendblatt-Interview, Di.,20/04/99
						v.B.Möller (Kurze Fassung: S.J.-K.))


SCHLIESSLICH IST DER ROMAN EINE LIEBESGESCHICHTE...

JEDE IDEOLOGIE FUERT ZUM FASCHISMUS



HA: Herr Rushdie, Sie wirken sehr gelassen. Ist da kein Zorn, kein Haß,
kein Bedauern
über 10 verlorene Jahre im Banne der Fatwa?

-... Natürlich macht es einem Angst, Zielscheibe zu sein. Aber ich wußte
immer: <...>
vor allem wollte ich mich nicht als Schriftsteller zerstören lassen. Und
das wäre passiert, wenn
ich angefangen hätte, harmlose  kleine Bücher zu schreiben, Bücher ohne
Risiko.
Damit meine ich gar nicht das politische, sondern das künstlerische
Risiko.

HA: ...Sie werden heute abend auf Kampnagel aus Ihrem neuen Roman
lesen...
Sie lassen Ihren Roman  am 14. Februar 1989 beginnen, dem Tag, an dem
die Fatwa verhängt wurde.
War das der letzte demonstrative Schritt der Geisteraustreibung?

-...Während des Schreibens habe ich immer wieder darüber nachgedacht, es
herauszunehmen, weil
es natürlich - im Zusammenhang mit dem Erdbeben, mit dem Roman  b e g i
n n t  - ein
überdeutlicher Hinweis auf meine private Katastrophe ist. Aber dann habe
ich es drin gelassen:
schließlich ist der Roman eine  L i e b e s g e s c h i c h t e , und
der 14. Februar ist nicht nur
Fatwa-, sondern auch Valentinstag.

HA: Ihr Roman heißt ,,D e r   B o d e n   u n t e r   i h r e n   F  ü 
ß e n".  Für eine der beiden
Hauptfiguren tut sich der Boden buchstäblich mit dem Erdbeben auf. Ist
das der Zuschtand der Welt?
Daß es keinerlei Sicherheiten mehr gibt? Daß Katatrophen von jetzt auf
gleich über uns 
hereinbrechen?

-Na ja... Schauen  Sie sich an, was gerade in Jugoslawien passiert!


HA: Ist da nicht eher die Frage, wie die zivilisierte Welt mit einer
Diktatur umgeht?

- Wenn Sie mich fragen, dann hat man in Jugoslawien  zu spät
eingegriffen. Als es in Kroatien losging,
hätte man Millosevic noch stoppen können. Aber offenbar haben damals
eindeutige Regeln gefehlt, die besagen,
wann die Staatengemeinschaft intervenieren muß. Heute lautet die Frage,
ob und wie man Milosevic entfernt. 
Ich denke, man muß ihn entfernen, denn er ist ein furchtbarer
Schlächter.< ...> Wenn ich allerdings einer
dieser Flüchtlinge wäre, dann wäre ich sehr skeptisch, was den langen
Atem der Weltgemeinschaft anbetrifft!
Nein, unter solchen Voraussetzungen würde ich nicht in den Kosovo
zurückkehren .

HA: Von Ihnen stammt der Satz: An dem Tag, an dem es keine Religionen
mehr gibt, wird die Menschheit eine
große Party feiern. Von dieser Party scheinen wir weiter entfernt denn
je...

-Der Punkt dabei ist, daß es gar nicht um irgendeinen Gott gehen muß. Wo
immer eine Gruppe oder eine
politische Macht glaubt, die Welt mit einem Erklärungsmodell beglücken
zu müssen , geht es letzlich um
dasselbe Phänomen. Egal, <...> bei den Taliban ebenso wie bei Milosevic.

HA:,,Der Boden unter ihren Füßen" ist - unter anderem - eine moderne
Variante des antiken ,,Orpheus- und Eurydike" - Stoffes, erzählt am
Beispiel zweier Rockstars. Am Ende steht (auch da folgen Sie dem Mythos)
für beide der Tod. Der Schlußsatz heißt:,,...aber sie hören nicht auf zu
singen..."  W a s   i s t   d a s ?
Ungebrochenes Vertrauen in die Kraft der Kunst? <...>

- Sie haben völlig Recht . <...> ...hauptsächlich ging es mir um die  d
r e i  Essenzen menschlicher Existenz:
						L i e b e ,  T o d   u n d   K u n s t.
Wie das eine das andere  bedingt, überwindet   o d e r  auch zerstört -
das hat mich interessiert.
Und weil es ein zeitgenössischer Roman werden sollte, ist mein Orpheus
eben ein Rocksänger.
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