florian schneider on Mon, 19 Apr 1999 22:31:23 +0100


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Syndicate: zivile ziele (german)


[hi, here is my report from two days i've spent last week in budapest
and about the peope i've met there. i was asked to post it, even if it
is
in german. so here it is. probably some of you will understand, maybe
somebody  can translate. a shorter version will appear tomorrow
in "sueddeutsche zeitung"
<http://www.sueddeutsche.de/aktuell/feuill_b.htm>
hope to see you next weekend. /fls]


ZIVILE ZIELE

Der Film heißt ?Vaterland" und während des Vorspannes kam es im Publikum
zu Szenen unverhoffter Wiedersehensfreude. Ungeniert fielen sich Gäste,
die erst nach Beginn der Vorführung in den Saal gekommen waren, in die
Arme. Das wenige Projektionslicht der vertrauten Bilder reichte allemal
aus, um sich in der fremden Stadt wiederzuerkennen. ?Was? Du auch hier!"
dürften sie sich zugerufen haben und man mußte wirklich nicht Serbisch
können, um die Situation zu verstehen. Eigentlich sollten im
Rahmenprogramm des Zentraleuropäischen Filmfests, das diese Woche in
Budapest stattfindet, zwei Bands aus Jugoslawien auftreten. Weil aber
keiner der Musiker in der ungarischen Hauptstadt ankam, wurden an diesem
Abend im Kulturzentrum Trafo Filme gezeigt und diskutiert.

Budapest, am 22. Tag der Luftangriffe: Fettes Grün an den Bäumen,
Sträucher blühen wild auf und schon wieder ab. Die Menschen stürzen auf
die Straßen, lassen sich in der warmen Sonne nieder oder suchen den
kühlen Schatten der großen Gebäude. Ein paar Autostunden sind es in den
Krieg und aus dem Krieg.

Hier, wo Europa am tiefsten ist, trifft sich derzeit das andere
Jugoslawien. Menschen, die eben erst die Grenze überquert haben, oder
schon seit zwei oder drei Wochen in Ungarn festhängen. Tausende von
Flüchtlingen wahrscheinlich, und darunter auch viele Künstler,
Medienmacher, Intellektuelle, die hin- und hergerissen sind zwischen
Abhauen und Nicht-weiter-können. Vor ein paar Wochen noch haben sie den
Widerstand gegen das Milosevic-Regime verkörpert. In einem Land, in dem
selbst der Begriff Opposition seit Jahren kompromittiert ist, war
?urbane Kultur" der gemeinsamer Bezugspunkt. Mit guter Musik,
Theateraufführungen, Internet-Projekten, Videofilmen, unabhängiger
Kommunikation und zeitgenössischer Kunst versuchten sie dem dumpfen
Nationalismus zu trotzen. Sie knüpften Kontakte in andere europäische
Länder, nahmen an Festivals teil, organisierten Konferenzen, gründeten
Zentren und Netzwerke - über die Grenzen der ethnischen Zuschreibungen
hinweg.

Vielleicht ist es angesichts der Ereignisse überflüssig festzustellen,
daß die Arbeit von Jahren nun in Trümmern liegt und ausgerechnet
diejenigen, die im Land geblieben sind und sich wehrten, zwischen den
Fronten zerrieben werden. Verhängnisvoll aber ist, wenn ausgerechnet die
Menschen, die für Weltoffenheit und Demokratie standen, jetzt vergessen
oder gar mit den Machthabern über einen Kamm geschoren werden. Im
Propagandafeldzug, der heute Infowar heißt, war die Unterdrückung der
Meinungsfreiheit in Jugoslawien ein paar Tage lang in den Schlagzeilen.
Jetzt aber müßte sich herausstellen, wie es um die Solidarität mit
Gegnern und Kritikern Milosevic in Wirklichkeit bestellt ist. Oder
reicht das Engagement der NATO-Staaten für die Menschenrechte nur gerade
einmal soweit, die ?humanitäre Katastrophe" um jeden Preis vor den
Grenzen der Gemeinschaft stattfinden zu lassen?

Die Heuchelei ist schon kaum zu ertragen, wenn man sich daran erinnert,
daß die deutschen Asylbehörden noch bis vor ein paar Wochen die
Gruppenverfolgung von Kosovo-Albanern kategorisch verneinten, wenn es um
deren Bleiberecht und politisches Asyl ging, und daß das bayerische
Innenministerium bis zum allerletzten Zeitpunkt, als längst das Embargo
verhängt war, Abschiebungen über die neutrale Schweiz versuchte. Daß die
10.000 Flüchtlinge, die die Bundesrepublik aufzunehmen bereit war, nicht
einmal den juristischen Status von Kontingentflüchtlingen im Rahmen
humanitärer Hilfsaktionen erhielten, daß über alle anhängigen
Asylverfahren von Kosovo-Albanern ein Bearbeitungsstop verhängt wurde,
weil angesichts der aktuellen Lage politisches Asyl nun wirklich nicht
verweigert werden könnte - dies grenzt geradezu an Niedertracht.

Die Regierungen der Europäische Union haben ihre Grenzen geschlossen.
Behörden und Botschaften verweigern derzeit allen Menschen aus dem
Staatsgebiet der Republik Jugoslawien die Einreise, die sich dem Terror
der Luftangriffe, Verfolgung durch die serbischen Militärs oder der
staatlichen Propaganda entzogen haben, darunter auch viele Männer, die
vor der Einberufung zum Militärdienst geflohen sind oder bereits
desertierten. Selbst offizielle Einladungen oder solche von Verwandten
und Freunden werden derzeit von den Auslandsvertretungen nicht mehr
bearbeitet. Dragana Zarevac, zum Beispiel: Die Videokünstlerin aus
Belgrad ist die einzige, die nichts dagegen hat, wenn ihr Name genannt
wird. Sie sitzt mit ihrem kleinem Sohn seit Tagen in Budapest fest,
obwohl sie sogar vom Centre Pompidou in Paris eingeladen wurde. Das
französische Konsulat aber verweist auf die Anordnung, keine Visa mehr
erteilen zu dürfen. Viele andere Künstler verbringen Stunden auf der
österreichischen oder niederländischen Auslandsvertretung, werden aber,
egal wie hoch sie protegiert sind, allenfalls hingehalten. Sie leben in
überfüllten Wohnungen von Freunden oder Hotels. Zum Essen treffen sie
sich in der Mensa der Universität. Für ein paar Mark gibt es hier ein
Mittagsmenu, an den Wänden hängen Zettel, auf denen Wohnungen zur
Vermietung angeboten werden. Dragana Zarevac Sohn spielt mit
Plastiksoldaten, bemüht sich aber den Diskussionen unter den Erwachsenen
zu folgen. ?Müssen alle Männer jetzt zum Militär?" fragt er und schießt
eine Papierkugel aus einer Spielzeugkanone. ?Keine zivile Ziele!"
protestieren die anderen am Tisch.

Wer schon länger aus Jugoslawien raus ist, hat immerhin den
sprichwörtlichen schwarzen Humor wiedergefunden. Diejenigen, die aber
gerade neu angekommen ist, sprudeln über vor Mitteilungsdrang und
Aktionismus. ?Nach zwanzig Tagen Luftangriffe waren die Ohnmacht und
Tatenlosigkeit einfach nicht mehr auszuhalten" sagte eine, die am Morgen
erst mit einem Bus aus Belgrad ankam. Frauen und Kinder können nach wie
vor die Grenze zwischen Jugoslawien und Ungarn passieren. Männern aber
ist es per Gesetz verboten, das Land zu verlassen. Viele versuchen es
trotzdem, und irgendwann gelingt es auch. Seit ein paar Tagen soll es
einen Erlaß geben, daß jeder Wechsel des Aufenthaltsortes spätestens
nach 24 Stunden bei den Behörden angezeigt werden muß. So wollen die
Machthaber in Belgrad dem Problem Herr werden, daß in den letzten Tagen
viele Menschen Wohnungen tauschten, sich in Gartenhäuschen zurückzogen
oder aufs Land abgesetzt haben, um ihren Aufenthaltsort wenigstens zu
verschleiern. Bislang gibt es keine Generalmobilmachung, und die Männer,
denen der illegale Grenzübertritt gelungen ist, haben zumindest die vage
Hoffnung, vielleicht irgendwann einmal zurückkehren zu können, ohne
gleich wegen Desertion vor Gericht gestellt zu werden.

Stimmen der Vernunft sind im allgemeinen Kriegsgeschrei selten geworden.
Veran Matic, Chefredakteur von B92 forderte schon vor zwei Wochen in
seiner Stellungnahme unter dem Titel ?Bombing the Baby with the
Bathwater" unmißverständlich ein sofortiges Ende der Luftangriffe. Daß
er dabei die Vertreibung der Menschen im Kosovo scharf kritisierte,
könnte der Anlaß für die engültige Schließung von Radion B92 gewesen
sein. Sonja Licht, Vorsitzende der Soros-Stiftung in Belgrad, war am
Mittwochabend im Trafo über ein Telephoninterview zugeschaltet: ?Niemand
hat Recht in diesem Krieg. Was kann Erfolg bedeuten, wenn alle die
Verlierer sind - allen voran die Kosovo-Albaner, aber auch Tausende
Roma, die im Moment auf der Flucht sind." Und sie fügt hinzu: ?Die NATO
will Milosevic bestrafen, aber sie bestraft die Menschen."

Kurz vorher wäre es beinahe zum Eklat gekommen, als die anwesenden
Künstler und Medienaktivisten aus Jugoslawien sich nach kurzer
Rücksprache weigerten, vor den Kameras des ungarischen Fernsehens ein
Statement abzugeben. ?Für uns ist es zu früh", sagen die einen, und
meinen damit das verdammte Abwarten, zu dem sie gezwungen sind. ?Wie
kann ich meine eigene Situation beschreiben, die doch noch harmlos
erscheint im Vergleich zur Not der Flüchtlinge in Mazedonien und
Albanien?" sagt eine andere.

Sinnvoller, als sie vor die laufenden Kameras zu zerren, um die
Kriegsberichterstattung um ein paar authentische Stimmen zu bereichern,
wäre schon, ihnen Respekt zu zollen und die wertvolle Arbeit, die sie
seit Jahren machen, präsentieren oder unter den herrschenden Bedingungen
rekonstruieren zu lassen. Ungarn ist dazu natürlich nicht alleine in der
Lage und ein Kommunikationszentrum wie C3, das seit Jahren als
Drehscheibe für die mittel- und osteuropäische Medienkunstszene
fungiert, schon kurzfristig damit überfordert.

Jetzt ist ein gemeinsames Vorgehen von Medienaktivisten, Künstlern,
kulturellen Institutionen, Festivals in ganz Europa gefordert. Schon am
30. März forderten die Verteter von europäischen Kulturzentren und
Medienlaboren, die sich seit drei Jahren schon im Netzwerk ?Syndicate"
zusammengeschlossen haben, mit einem Appell: ?Open the Borders!"
<http://www.teleportacia.org>. Diese Forderung ist heute drängender denn
je. Es ist nicht mehr die Zeit, über Politiker und Militärs zu
fachsimpeln, die zu vermeintlichen Gutmenschen konvertierten, oder in
Ratlosigkeit über diese plötzliche Wandlung zu verharren. Es ist Zeit,
die Grenzen Europas zu öffnen. Zum einen aus humanitären Gründen: um
allen Menschen, wovor auch immer sie fliehen und wohin auch immer sie
wollen, ein Entkommen zu ermöglichen. Zum zweiten aus politischen
Gründen: um die Logik des Krieges zu durchbrechen und allen, die sich
weigern, für Milosevic oder wen auch immer zu sterben, vollen
politischen Schutz zu gewähren. Zum dritten aus pragmatischen Gründen:
Wenn es irgendeine Chance gibt, den aktuellen und alle noch drohenden
Konflikte vor den Toren der EU-Länder zu lösen, dann kann und darf diese
nur in einer gesamteuropäischen Perspektive liegen und anstelle von
Luftkriegen in der Öffnung der Grenzen bestehen.

--
Break the logic of war! Desert! Open the borders!
http://www.teleportacia.org


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