Manuel Bonik on Thu, 16 Mar 2000 21:07:40 +0100 (CET)


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[rohrpost] Schockolade


 

>>Wenn Du allen Ernstes journalistische Standards (Beachtung des
Presserechts,
>>Trennung von Nachricht und Meinung, Sorgfaltspflicht, vielleicht 
>>auch sowas wie
>>praeziser Sprachgebrauch etc.), wie sie die guten alten Printmedien ja
doch
>>einigermassen leisten, im Netz durchsetzen wolltest, waeren schlichtweg
>>die meisten, die sich im Netz aeussern, nicht qualifiziert.

>Klar, da hast Du recht, es ging mir zur Hauptsache um so was wie die
Ethik.


>>Und, um auf's Ethische zu kommen, im Zweifelsfall sollen doch dann ruhig
auch
>>irgendwelche Nazis und sonstigen Wirrkoepfe ihren Kram verbreiten. Ist
mir
>>allemal lieber als irgendwelche sich demokratisch gerierenden Komitees,
die
>>dann festlegen, was erlaubt ist und was nicht. Wie zweifelhaft sowas sich
>>auswirken kann, sollte doch jeder spaetestens bei der Debatte um
Political
>>correctness gemerkt haben.

>Nachdem ich diesen Abschnitt ein paarmal durchgelesen habe, stelle ich
fest,
>dass da nichts weiter steht ausser einer salonfähigen Radikalität. Man
kann es
>auch Narzismus nennen.

>Wenn man die Verhältnismässigkeit Deiner Wertungen vergleicht, dann
richtet
>Political Correctness mehr Schaden an als z.B. jeglicher Rassismus, sogar
wenn
>er offen ausgesprochen oder dazu aufgerufen wird. Dass hinter den Aussagen
>Menschen stehen, die andere Menschen treffen, beleidigen, verhetzen
wollen,
>ist Dir wohl nicht in den Sinn gekommen. Es geht Dir wohl nur um Deine
>eigene Scheinfreiheit, die Dir vorschwebt, nicht um die Freiheiten derer,
die
>mit Dir Zeit und Raum teilen. Gerade wenn Du Rassismus auf das Niveau
>des Überfahrens eins Rotlichts stellst, dann finde ich Deine Vorstellungen
von
>Würde etwas seltsam.

>Gerade gestern ist in der Schweiz eine Studie präsentiert worden, 
>welche eine deutliche Sprache spricht. Über zwanzig Prozent bekennen 
>sich offen zum Antisemitismus,
>sechzig Prozent zu judenfeindlichen Tendenzen: «So wollen etwa acht 
>Prozent der Befragten lieber nicht einen Juden als Wohnnachbarn, ein 
>Anteil, der für Schwarze (12%), Türken und Araber (je 28%) sowie 
>Fahrende (38%) bis auf 40 Prozent (Kosovo- Albaner) steigt. Für 17 
>Prozent (bei den rechten SVP-Anhängern sind es 30 Prozent) haben 
>Juden einen zu grossen Einfluss in der schweizerischen Gesellschaft 
>(für noch mehr in der internationalen). Aber für je 53 Prozent der 
>Schweizer, also angeblich für die Mehrheit, haben zwei ganz andere 
>Gruppen zu viel Einfluss: die Journalisten und die Kriminellen.»
>(nzz.ch)


>Aber vielleicht habe ich Dich allzusehr missverstanden.
>a+

Wenn Du jetzt mir gegenueber kritisch wirst, hoert der Spass aber mal auf.
Ich fuehle mich geradezu getroffen und verletzt. Hat man Dich verhetzt?

Aber im Ernst (so schwierig kann es doch nicht zu verstehen sein!): Lieber
ein paar Sites von Nazis in Kauf nehmen als eine zentrale
Netzinhalte-Kontrollbehoerde, die dann womoeglich nach PC-Kriterien
arbeitet. Was dann allein an Netzkunst verboten waere...
Ein befreundeter Kurator erzaehlte mir, wie er eine Ausstellung mit alten
Meistern fuer Intel zusammenstellte und die ihm dann konsequent jedes Bild
rausgeschmissen haben, auf dem irgendeine nackte Brust zu sehen war, um auf
keinen Fall irgendwelche moslemischen etc. Kunden zu beleidigen (genauer:
zu verlieren). So stelle ich mir das ungefaehr vor.
Und ich stelle mir vor, dass jemand wie Sadie Plant als
Netzzensur-Praesidentin dann bestimmt,  was wissenschaftliche Methode ist.
Da gruselt mir.

Zu den Schweizern hingegen faellt mir wenig ein. Einmauern? Nur noch weisse
Schokolade zu essen, waere womoeglich nicht pc.

Vielleicht wurde die Studie ja auch von einer Nazi-Agentur gemacht? Die
wollen uns Guten Angst machen und in die Ecke draengen! Raffinierte Hunde.
Wie sie da listig mit acht Prozent der Befragten anfangen, um die dann
allmaehlich ueber ein paar ablenkende Zwischenschritte auf sechzig Prozent
hochzusteigern. Zum Glueck durchschauen wir den Trick an dieser Propaganda.
Nur frag ich mich, warum gerade DU sie verbreitest.
Manuel Bonik

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