Pit Schultz on Sun, 19 May 96 05:13 MDT


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nettime: Mobile States/Shifting Borders/Moving Entities - Inke Arns


Mobile States / Shifting Borders / Moving Entities

The Slovenian Art Collective Neue Slowenische Kunst (NSK)
Mapping the New Post-Territorial Communities
by Inke Arns <inke@is.in-berlin.de>


"Immer geht es um Objektivitaet und Subjektivitaet, aber nie 
um Trajektivitaet. In der anthropologischen Diskussion um 
Nomadentum und Se§haftigkeit wird erklaert, wie die Stadt 
als wichtigste politische Form der Geschichte entstanden 
ist; aber es fehlt jegliches Verstaendnis fuer das 
Vektorielle unserer auf der Erde hin- und herziehenden 
Gattung.
Zwischen Subjektivem und Objektivem bleibt offenbar kein 
Platz fuer das "Trajektive", naemlich dafuer, da§ eine 
Bewegung von hier nach dort stattfindet, eine Bewegung von 
einem zum anderen, ohne die wir die verschiedenen Ordnungen 
der Wahrnehmung der Welt niemals wirklich verstehen werden." 
(Virilio) (1)

* Hermetisierung der Territorien
Politische Ereignisse haben Ende der 80er bzw. zu Beginn der 
90er Jahre zum Verfall der bis dato gueltigen Weltordnung 
gefuehrt, die die Welt in zwei antagonistische Bloecke 
einteilte. Gleichzeitig wird eine neue Weltordnung sichtbar, 
die nach Baudrillard durch "weissen Fundamentalismus, 
Protektionismus, Diskriminierung und Kontrolle" 
charakterisiert ist. Dieses "reale, weisse, moralisch, 
oekonomisch oder ethnisch weiss gemachte, einheitliche und 
gesaeuberte Europa" (2) ist ein Resultat des 
Ethnopluralismus, der zwar das Recht auf Differenz 
bekraeftigt, dieses Recht aber nur unter der Gewaehrleistung 
der Unantastbarkeit der eigenen Identitaet zulaesst - also 
mit der Segregation des Anderen operiert.
Im Europa der Gegenwart schlagen sich die Konzeptionen einer 
so formulierten nationalkulturellen Identitaet in der 
Tendenz zur zunehmenden Subnationalisierung nieder. Dieser 
Partikularismus aber stellt nichts anderes dar, als die 
Verlagerung der bekannten "Lebensraumkonzeption" auf die 
Region.
Im Zusammenhang mit der Wahrung des "Lebensraums" der 
europaeischen Nationen ergibt sich in der politischen Praxis 
eine zunehmende Hermetisierung der aeusseren Grenzen der von 
ihnen besetzten Territorien sowie eine gleichzeitige 
zunehmende ideologische Ueberfrachtung derselben, insofern 
das Territorium wesentlicher Bezugspunkt der Abgrenzung 
gegen das Andere / den Anderen ist.
Obwohl man ihn ueberwunden glaubte, gewinnt der Begriff des 
Territoriums in den 90er Jahren eine neue Brisanz: als 
Kristallisationspunkt aktueller politischer Konflikte.

* Art Facing Territory
In den 90er Jahren untersuchen KuenstlerInnen die 
Mechanismen, die den politisch-territorialen status quo 
konstituieren. Dabei erzeugen sie parallel funktionierende, 
subversive Ordnungen, die immer auch auf eine Transformation 
des Territoriums, d. h. auf die Durchbrechung von 
territorialen Festsetzungen ausgerichtet sind. Einerseits 
versuchen kŸnstlerische Projekte alternative Gegenentwuerfe 
zu den wiedererstarkten politischen Fixierungen auf 
Territorien, Ethnien und Grenzen zu entwickeln, andererseits 
stellen sie den Sinn eines nationalkulturell definierten 
Territoriums in Frage und versuchen neue produktive 
Kategorien zur Definition des gesellschaftlichen Raumes zu 
entwerfen. Jameson bemerkt dazu:

"Die neue politische Kunst - sollte sie ueberhaupt moeglich 
sein - wird es mit der 'Wahrheit' der Post-moderne halten, 
das hei§t festhalten muessen an der wesentlichen Tatsache, 
am neuartigen Welt-Raum des multinationalen Kapitals. Dabei 
sollte ein Durchbruch moeglich sein zu heute noch nicht 
vorstellbaren neuen Formen der Repraesentation dieses Raums, 
mit denen wir wieder beginnen koennen, unseren Standort als 
individuelle und kollektive Subjekte zu bestimmen. *...* Wenn 
es etwas wie eine politische Erscheinungsform der 
Postmoderne geben sollte, so waere diese dazu aufgerufen, 
eine globale Kartographie unserer Wahrnehmung und Erkenntnis 
zu entwerfen und diese in den genau zu ermessenden 
gesellschaftlichen Raum zu projizieren." (3)

Das Spektrum kuenstlerischer Strategien reicht in den 90er 
Jahren von den Versuchen der physischen Durchwanderung 
realer Territorien ueber die Simulation politisch-
territorialer Strukturen und Mechanismen bis zu 
fundamentalen, an Expansionsbestrebungen heranreichende 
Formen der Eroberung von unkontrollierten Territorien (4).

* The 80s: Facing Ideology - "NSK - More Total than 
Totalitarianism"
Das seit 1984 bestehende multimediale Kuenstlerkollektiv 
'Neue Slowenische Kunst' setzte sich aus der Musikgruppe 
'Laibach' (* 1980), dem Malerkollektiv 'Irwin' (* 1983) und 
dem Theaterensemble 'Gledalisce Sester Scipion Nasice' (* 
1983) zusammen. Nach den 1982 von 'Laibach Kunst' - der 
'Vorlaeuferorganisation' der NSK - verfa§ten 10 Tock 
Konventa definierte sich die NSK nicht als Zusammenschlu§ 
einzelner Individuen, sondern explizit als uniformes 
Kollektiv, das nach dem Vorbild des Staates dem Prinzip der 
industriellen Produktion und dem "Direktivenprinzip" 
verpflichtet war und die "Identifikation mit der Ideologie" 
als seine Arbeitsmethode uebernommen hatte. Bei dieser 
wohlkalkulierten Uebernahme von Bestandteilen und dem Spiel 
mit Versatzstuecken der offiziellen Ideologie, die von 
'Laibach Kunst' als "ready-mades" in Sinne von Duchamp 
begriffen wurden, ging es darum, vorhandene Herrschaftscodes 
aufzunehmen und "diesen Sprachen mit ihnen selber [zu] 
antworten." (5) Es handelte sich um eine Strategie, die 
Zizek als radikale "Ueber-Identifizierung" mit der die 
gesellschaftlichen Beziehungen regulierenden Ideologie 
bezeichnet hat. 'Laibach Kunst' bzw. die spaeter gegruendete 
'Neue Slowenische Kunst' traten - unter Verwendung aller 
durch die offizielle Ideologie explizit und implizit 
vorgegebenen Identifikationsmomente - als eine Organisation 
auf, die noch "totaler als der Totalitarismus" (Groys) zu 
sein schien. Es handelte sich um einen provokativen Verweis 
auf die dem "semitotalitaeren System" (Barber-Kersovan) 
Jugoslawiens zugrundeliegende ideologische Struktur.

'Retrogarde': Verarbeitung kollektiver Traumata
Verbindlich war fuer alle Gruppen der NSK die Arbeitsmethode 
der 'Retrogarde', die mittels eines "emphatischen 
Eklektizismus" auf die Texte (Zeichen, Bilder, Symbole und 
Formen der Rhetorik) zurueckgriff, die retrospektiv zu 
Erkennungszeichen bestimmter kuenstlerischer, politischer, 
religioeser oder technologischer 'Erloesungsutopien' des 20. 
Jahrhunderts geworden sind. Diese sehr unterschiedlich 
gearteten, immer auch aesthetisch ausformulierten 
'Erloesungsutopien' und -'ideologien' sind im Verstaendnis 
der NSK unloesbar mit bestimmten kollektiven Traumata 
verbunden, die bis heute wirksam sind. Die NSK vertritt die 
Ansicht, da§ es nicht durch die Erarbeitung einer neuen 
Zeichensprache, sondern nur mittels des Rueckgriffs auf 
diese vorhandenen traumatischen Texte moeglich sei, die 
speziellen Punkte in der Geschichte zu benennen und zu 
verarbeiten, in denen das Umschlagen von genuin utopischen 
Ansaetzen in traumatische Erfahrungen festzumachen ist: 
Einen solchen Punkt erkennt die NSK z.B. in der gegen Ende 
der 20er Jahre dieses Jahrhunderts vollzogenen Assimilation 
bzw. der Aufhebung der kuenstlerischen Avantgarden in 
totalitaere Systeme.
Die NSK zielt nicht mittels Ironie, Parodie oder Satire auf 
eine Ueberwindung der Macht der ideologischen Zeichen ab, 
sondern bemueht sich um eine Bewu§tmachung der Macht dieser 
Zeichen. Der NSK geht es um ein Nachvollziehen, um eine 
Rekonstruktion und, daraus folgend, um ein analysierendes 
Zerlegen der Ideologie in ihre herrschaftskonstituierenden 
aesthetischen Fundamente. Das slowenische Kollektiv ist der 
†berzeugung, da§ diese ideologischen Zeichen niemals 
ueberwunden werden koennen, sondern da§ einer Ideologie nur 
durch Bewu§tmachung dieser aesthetischen Fundamente ein Teil 
ihrer Macht genommen werden kann.

Subversive Strategie
Die von der NSK in den 80er Jahren eingesetzten radikalen 
kuenstlerischen Strategien koennen als aesthetische 
Umsetzung der sich in den 80er Jahren entwickelnden Theorie 
der slowenischen Lacan-Schule um den slowenischen 
Psychoanalytiker und Lacanier Slavoj Zizek gesehen werden. 
Diese neue Theorie, auf die sich die spaeteren Mitglieder 
der NSK schon Anfang der 80er Jahre bezogen, wurde zu einem 
wichtigen theoretischen Fundament des Selbstverstaendnisses 
der subkulturellen Szene Ljubljanas. Die Aktionen des 
Kuenstlerkollektivs sind weniger als Reaktionen auf 
bestimmte tagespolitische Ereignisse in Slowenien bzw. 
Jugoslawien zu begreifen; vielmehr ist die NSK als ein die 
ideologisch-aesthetische Fundierung des Staates 
'uebercodierendes' Rechercheunternehmen zu verstehen, das 
den sogenannten ideologischen Ueberbau des jugoslawischen 
Staates zum Thema machte und diesen 'Ueberbau', den die NSK 
als Regulativ aller gesellschaftlichen Beziehungen begriff, 
subversiv in Frage stellte. Die Betonung liegt hier auf 
subversiv, denn die Strategie der NSK aeu§erte sich nicht in 
einem offen kritisierenden bzw. moralisierenden Diskurs 
gegenueber dem Staat und der Ideologie, nicht in der 
'Distanzierung zur Ideologie' durch Satire oder Ironie, 
sondern zeichnete sich durch eine 'Ueber-Identifizierung' 
mit der 'herrschenden Ideologie' aus.

'Ueber-Identifizierung' mit der 'verdeckten Kehrseite' der 
Ideologie
Nach Slavoj Zizek und Peter Sloterdijk laeuft offene Kritik 
an der Ideologie eines Systems ins Leere, denn jeder 
ideologische Diskurs zeichne sich heute durch Zynismus, d.h. 
durch die internalisierte, in ihm schon vorweggenommene 
Kritik seiner selbst aus. Die Ideologie 'glaubt' ihren 
eigenen Aussagen nicht mehr, sie hat eine zynische Distanz 
zu den eigenen moralischen Praemissen angenommen. Folglich 
ist dem Zynismus als universalem und diffusem Phaenomen mit 
den tradierten Mitteln der Ideologiekritik (z.B. durch 
aufklaererisches Engagement) nicht mehr adaequat zu 
begegnen. Gegenueber einer zynischen Ideologie erweist sich, 
so Zizek, das Mittel der Ironie als 'in die Haende der 
Maechtigen spielend'. Die von der Ideologie vorgebrachten 
oeffentlichen getroffenen Aussagen und vermittelten Werte 
sind 'zynisch', sie sind also nicht dazu da, ernstgenommen 
zu werden. Problematisch wird es dann fuer die sogenannte 
'herrschende Ideologie', sobald der 'angemessene Abstand' 
nicht laenger gewahrt bleibt, wenn also eine '†ber-
Identifizierung' mit der Ideologie stattfindet. Denn nach 
Zizek setzt sich eine Ideologie immer aus zwei Teilen 
zusammen: aus den von einem politischen System oeffentlich 
verkuendeten und propagierten 'expliziten' Werten und der 
sogenannten 'verdeckten Kehrseite' ('the hidden reverse'), 
d. h. den implizit mittransportierten Werten und Praemissen 
einer Ideologie, die aber, damit eine Ideologie 
funktionieren und sich reproduzieren kann, unausgesprochen 
bleiben muessen. Die NSK nahm sich dieser 'impliziten' 
ideologischen Praemissen (z.B. Gewalt, Faszination, 
Genie§en) an und brachte diese durch ihre Strategie der 
'†ber-Identifizierung' zum Vorschein.

Schaffung einer dysfunktionalen Ideologie
Ein wichtiges Element der Funktionsweise von Ideologien wird 
von Zizek im Angebot des Genie§ens, also in einer dem 
Individuum von einer Ideologie angebotenen Abnahme der 
Ordnung des Realen gesehen. Der ideologische Diskurs setzt 
sich aus einzelnen Elementen, den sogenannten 'gleitenden 
Signifikanten' oder sinthomen zusammen, die, fuer sich 
genommen, bedeutungslos sind und ihre ideologische Bedeutung 
erst im Kontext des Diskurses einer Ideologie annehmen. Die 
von der NSK vor allem in den Buehnenauftritten von 'Laibach' 
vollzogene Dekonstruktion der Ideologie ist, folgt man 
Zizek, als ein sich auf zwei Ebenen vollziehender Prozess zu 
verstehen: 1. als Dekontextualisierung, also als das 
Herausrei§en der einzelnen Elemente aus dem Kontext, der den 
Phaenomenen Bedeutung verleiht und 2. als 
Rekontextualisierung dieser fuer sich bedeutungslosen 
Fragmente (sinthome) in einer von dem Kollektiv geschaffenen 
dysfunktionalen Ideologie bzw. einer Pseudoideologie. Das 
vermeintliche Identifikationsangebot, das allen von der NSK 
verwendeten ideologischen Elementen eigen zu sein scheint, 
loest sich nach dem Abzug des sinnstiftenden Kontextes auf - 
uebrig bleiben die Versatzstuecke und Splitter der 
Ideologie, die in der "voelligen Stumpfsinnigkeit ihrer 
materiellen Praesenz" (Zizek) erfahrbar werden. Die Funktion 
dieser 'exorzistischen Strategie' (Benson) kann als das 
'Vorhalten eines Zerrspiegels' umschrieben werden, die durch 
die Offenlegung des in einer Ideologie wirkenden Genie§ens 
beim Publikum eine kathartische 'Selbstaufklaerung' bewirken 
sollte.

* The 90s: Facing Global Politics
Die politischen Ereignisse in Jugoslawien zu Beginn der 90er 
Jahre sind nicht ohne Auswirkungen auf die Arbeit des 
Kuenstlerkollektivs Neue Slowenische Kunst geblieben. 
Zeitgleich zur politischen Durchsetzung der Unabhaengigkeit 
Sloweniens hat sich die NSK 1991 deklarativ von einer 
'Organisation' in einen 'Staat' umgewandelt. Das 
kuenstlerische Konzept des NSK Drzava v casu ('NSK Staat in 
der Zeit') nimmt in spezifischer Weise Stellung zu den 
konkreten politischen Entwicklungen in Ex-Jugoslawien: Es 
versucht durch einen kuenstlerischen Gegenentwurf eine 
Alternative zu den seit Beginn der 90er Jahre 
wiedererstarkten politischen Fixierungen auf Territorien, 
Ethnien und Grenzen (nicht nur in Ex-Jugoslawien, aber dort 
sicherlich in seiner extremsten Auspraegung) aufzuzeigen. 

* Time & Movement: the Key Relation
Der NSK Drzava v casu definiert sich als kuenstlerisches 
Staatskonzept weder durch ein konkretes geografisches 
Territorium, noch durch eine ethnisch festgelegte 
Staatsnation. Das Konzept der NSK betont fuer die Definition 
des eigenen 'geistigen' Territoriums den Begriff der Zeit. 
Der Begriff der Zeit wird als eine neue produktive Kategorie 
zur Definition des Raumes herangezogen. 'Zeit' ist in dieser 
Terminologie mit der individuellen Akkumulation von 
'Erfahrungen' gleichzusetzen:

"The role of art and artists in defining time which belongs 
to them individually is more effective than in defining 
territory. The real, not imaginary, 'fatherland' of the 
individual is limited to the circle of the house in which he 
was born, the classroom or the library in which he acquired 
knowledge, the landscapes in which he walked, the spaces to 
which he is oriented, to the circle of his own individual 
experience, to that which exists and not that he was born 
into.
The territorial borders of the NSK state can by no means be 
equated with the territorial borders of the actual state in 
which NSK originated. The borders of the NSK state are drawn 
along the coordinates of its symbolic and physical body, 
which at the time of its activity acquired objective values 
and objective status." (6)

Das kuenstlerische Konzept definiert den "NSK Staat" als 
'abstrakten Koerper', dessen Grenzen sich - abhaengig von 
den Aktivitaeten des ihn konstituierenden 'physischen' und 
'symbolischen' Koerpers - in einem Zustand staendiger 
Bewegung befinden und dessen 'Territorium' im Bewu§tsein 
seiner 'Buerger' angesiedelt ist:

"The NSK state in time is an abstract organism, a 
suprematist body, installed in a real social and political 
space as a sculpture comprising the concrete body warmth, 
spirit and work of its members. NSK confers the status of a 
state not upon territory but upon the mind, whose borders 
are in a state of flux, in accordance with the movements and 
changes of its symbolic and physical collective body." (7)

Mit der Betonung des Faktors Bewegung wird eine weitere 
produktive Kategorie zur Definition des 'Raumes' 
eingefuehrt. Durch Bewegung, also physischen Ortswechsel von 
einem Ort zu einem anderen und, daran anschlie§end, durch 
die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem 'anderen Ort' 
bzw. mit dem 'anderen geistigen Territorium' werden neue 
Erfahrungen moeglich, die so wieder zur Entstehung von 
'Zeit' beitragen. "The relation between place and time is 
the key relation. Movement implies temporality, i.e. 
produces time." (8) In der Terminologie von 'Irwin' ist 
diese spezifische Form von Bewegung mit einer 
'Transplantation von Wissen' gleichzusetzen:

"There are basic differences between the perception and 
interpretation of the sign language of Irwin's paintings. 
This is one of our main concerns, because signs change with 
time and place. A sign may have one meaning in Russia, and 
yet another meaning in the West. Recognition of signs and 
symbols functions in such a way that their meanings differ 
with places; but nevertheless they have certain elements in 
common. Differences and similarties provide logic to our 
research. Irwin's starting point is to proceed from the 
specificity of the place of its origin, and to transfer 
experience [to the West]. This is transplantation of 
knowledge." (9)

Der 'immaterielle Staat' NSK Drzava v casu vollzieht diese 
Bewegung, indem er sich in zeitlichen Abstaenden an 
verschiedenen Orten in Form einer 'Botschaft' oder eines 
'Konsulates' materialisiert (10). Dies bedeutet, da§ sich 
Mitglieder der verschiedenen Gruppen der NSK, wie erstmalig 
1992 im Rahmen der "NSK Embassy Moscow" (11) in Moskau 
geschehen, gemeinsam an einen bestimmten Ort begeben (in 
Moskau z.B. eine private Wohnung) und dort im Rahmen von 
eigenen Vortraegen, Vortraegen eingeladener Theoretiker und 
Kuenstler und Diskussionen mit dem Publikum zu einem 
Erfahrungsaustausch einladen. Der Veranstaltungsort wird 
fuer die Dauer der 'Botschaft' oder des 'Konsulates' zum 
staatlichen Territorium des NSK Drzava v casu deklariert. 
Das zentrale Element des Erfahrungsaustausches wird von 
Ausstellungen ('Irwin'), Konzerten ('Laibach') oder Theater-
auffuehrungen ('Kozmokineticni Kabinet Noordung') begleitet. 
Der NSK Drzava v casu hat sich bislang in Moskau, Gent, 
Venedig, Suhl, Berlin, Florenz, Amsterdam und Umag 
temporaer, teilweise auch permanent installiert. 

* NSK State without Territory
Slavoj Zizek hat in seinem Text "Es gibt keinen Staat in 
Europa" (1992) eine theoretische Untermauerung des 
kuenstlerischen Konzeptes des "NSK Staates" gegeben und 
seine Ueberlegungen an die konkreten Ereignisse in Ex-
Jugoslawien seit 1991 angeknuepft. Zizek geht davon aus, da§ 
die utopischen Vorstellungen sowohl der europaeischen 
radikalen Linken wie auch der antiliberalen Rechten entweder 
auf die Abschaffung des Staates oder auf seine Unterordnung 
unter die 'Gemeinschaft' gezielt haetten.

"The utopian perspective, which henceforth opened up towards 
both the radical left-wing as well as the antiliberal right-
wing, was the abolition of the State or its subordination to 
the community." (12)

Der Krieg in Ex-Jugoslawien ist - so Zizek - auf den Zerfall 
staatlicher Autoritaet sowie auf die Unterordnung 
staatlicher Strukturen unter ethnische Interessen 
zurueckzufuehren:

"Today's experience, summed up in the word 'Bosnia', 
confronts us with the reality of this utopia. What we are 
witnessing in Bosnia is the direct consequence of the 
disintegration of State authority or its submission to the 
power play between ethnic communities - what is missing in 
Bosnia is a unified State authority elevated above ethnic 
disputes." (13)

Entgegen den utopischen Vorstellungen sowohl der Extrem-
Linken wie auch der Extrem-Rechten zeige sich nun, "that 
there is nothing liberating about the breaking of the state 
authority - on the contrary: we are consigned to corruption 
and the impervious conflict of local interests which are no 
longer restricted by a formal legal framework." (14) An 
diese Ueberlegungen anschlie§end formuliert Zizek sein 
zunaechst paradox erscheinendes philosophisch-theoretisches 
Staatskonzept, das eine Umkehrung der bislang 
vorherrschenden Utopiekonzepte darstellt:

"From all this it is thus necessary to draw what at first 
glance seems a paradoxical, yet crucial conclusion: today 
the concept of utopia has made an about-turn - utopian 
energy is no longer directed towards a stateless community, 
but towards a state without a nation, a state which would no 
longer be founded on an ethnic community and its territory, 
therefore simultaneously towards a state without territory, 
towards a purely artificial structure of principles and 
authority which will have severed the umbilical chords of 
ethnic origin, indigenousness and rootedness." (15)

* Transposition: Zeppelin = Vehikel / Trajekt und Vektor
Waehrend die NSK in den 80er Jahren statisch, also 
ortsgebunden, die Fluktuation von aesthetisch-ideologischen 
Zeichen durch Territorien analysierte, wird das 
Kuenstlerkollektiv in den 90er Jahren durch seine 
Transformation von einer Organisation in einen 
'Staatkoerper' selbst zu einem durch reale Territorien 
fluktuierenden immateriellen 'Organismus'. Der NSK Drzava v 
casu wird so zum trajektiven Vehikel eines "reinen Aussen", 
zu einer Huelle ohne Inneres, zu einer Grenze ohne 
Territorium. Die einzige Existenzform des NSK State in Time 
sind seine Botschaften, die als ephemere temporaere 
Materialisationen der Sichtbarmachung symbolischer 
Differenzen dienen. Das Ziel der Transpositionen der NSK, 
des Sich-In-Bewegung-Setzens, der Reisen und des sukzessiven 
Ver-Setzens des gesamten 'Organismus' der NSK ist die 
Kommunikation und der Austausch mit diesem anderen 
(differenten) Ort. 

"[...] an autonomous NSK territory can be defined; a 
territory capable of moving, not confined by geographical, 
national and cultural borders; a territory realizing its own 
notional space." (16)



* This text partly relies on the concept paper for the 
exhibition "Topos / Territorium: Mobile States - Shifting 
Borders - Moving Entities" by Inke Arns and Kathrin Becker 
(both Berlin) , written in March 1996 and on the M. A. 
thesis "Neue Slowenische Kunst (NSK) - their artistic 
strategies in Yugoslavia in the Eighties" by Inke Arns, 
Eastern European Institute at the Free University of Berlin, 
December 1995


Anmerkungen / References:
(1) Paul Virilio, "Revolutionen der Geschwindigkeit", Berlin 
1993, S. 62
(2) Jean Baudrillard, "Kein Mitleid fuer Sarajevo" (1993), 
in: Lettre international, Berlin, Winter 1995, S. 91
(3) Fredric Jameson, "Postmoderne: Zur Logik der Kultur im 
Spaetkapitalismus", in: Andreas Huyssen / Klaus Scherpe 
(Hg.), "Postmoderne. Zeichen eines kulturellen Wandels", 
Reinbeck bei Hamburg 1989, S. 99 f.
(4) vgl. Inke Arns / Kathrin Becker, "Topos / Territorium. 
Mobile States - Shifting Borders - Moving Entities", 
(Ausstellungskonzept) Berlin 1996
(5) Laibach, zit. nach: Claudia Wahjudi, "Zwoelf Jahre 
musikalische Zitatenschlacht zwischen zwei kontraeren 
Systemen", Interview mit 'Laibach', in: Neues Deutschland, 
13. 8. 1992
(6) Eda Cufer & Irwin, "Concepts and Relations"(1992), in: 
Irwin, "Zemljopis Vremena / Geografia del Tempo", 
Ausstellungskatalog, Umag 1994, o. S.
(7) Eda Cufer & Irwin, "NSK State in Time"(1993), in: Irwin, 
"Zemljopis Vremena / Geography of Time", a.a.O.
(8) 'Irwin', in: "Transcentrala (Neue Slowenische Kunst 
Drzava v casu)", Video von Marina Grzinic & Aina Smid, 20.05 
min, Ljubljana 1993
(9) Ebd.
(10) Eine andere Manifestationsform des NSK Drzava v casu 
sind die von diesem herausgegebenen Reisepaesse, die als 
"confirmation of temporal space" (NSK) gelten und 
unabhaengig von Staatsangehoerigkeit oder Nationalitaet von 
jeder Person erworben werden koennen.
(11) Neue Slowenische Kunst, "NSK Embassy Moscow. How the 
East sees the East" (Irwin in Collaboration with Apt-Art 
International and Ridzina Gallery, Moscow May 10 - June 10, 
1992), Obalne Galerije Piran / Loza Gallery Koper (eds.), 
Koper [1992]
(12) Slavoj Zizek, "Es gibt keinen Staat in Europa"(1992), 
in: "Padiglione NSK / Irwin: Gostujoci umetniki / Guest 
artists", Ausstellungskatalog XLV. Biennale di Venezia 1993, 
hg. v. Moderna Galerija, Ljubljana 1993, o.S.
(13) Ebd.
(14) Ebd.
(15) Ebd.
(16) Miran Mohar (Irwin), in: Eda Cufer, "The Symptom of the 
Vehicle", Interview with Irwin (NSK), 1995

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